Wie sich nahezu alle mit der Materie vertrauten Experten einig sind, zählt Luftfilterung zu den wichtigsten Maßnahmen in Hinblick auf einen nachhaltigen Umgang mit der Sars-Cov-2-Pandemie und allgemein mit Infektionskrankheiten. Aerosole sind primäre Überträger der meisten Virenerkrankungen und durch die Filterung der Luft lassen sich Infektionsraten laut Studien erheblich senken. Insbesondere in Schulen und Bildungseinrichtungen zählen Luftfilter zu den praktikabelsten Werkzeugen.

von Christian Klosz

Viele deutsche Verwaltungsbehörden hatten das bereits Ende 2020 / 2021 erkannt und entsprechende Geräte angeschafft. Im Zuge der im Laufe des Jahres 2022 einsetzenden, kollektiven Verdrängung von Corona, Long Covid und Co. gerieten sie weitgehend in Vergessenheit und wurden zunehmend als Artefakte betrachtet, die an eine Zeit erinnern, die man als „vorbei“ sehen wollte. Daher blieben viele der in Schulen vorhandenen Luftfiltergeräte in den letzten 2 Jahren ausgeschaltet oder wurden verräumt.

Diesen ignoranten Irrsinn auf die Spitze treibt nun die Stadt Münster: Die Verantwortlichen der Stadtverwaltung kamen auf die Idee, die angeschafften mobilen Luftfilter zu verschrotten. Was sie sich dabei dachten – oder ob überhaupt – ist schwer zu eruieren. Im Stadtrat zählen die CDU und die Grünen zu den stärksten Fraktionen, Oberbürgermeister Markus Lewe ist CDU-ler. Die Grünen scheinen für die Verschrottung zu sein, die CDU selbst gespalten: Die Fraktion veröffentlichte kürzlich eine Mitteilung, die dazu aufruft, gegen den Antrag zu stimmen (siehe unten).

Die Initiative Protect the Kids weist in einer gestern veröffentlichten Presseaussendung auf den Fall hin und fordert Münster dazu auf, „die Luftreiniger ihrer Schulen anzuschalten statt zu verschrotten.“

Stadt Münster will mobile Luftfilter für Schulen verschrotten

In der Presseaussendung wird detailliert auf die Abläufe der letzten Wochen eingegangen: „Vor einem Monat ist in der Öffentlichkeit bekannt geworden, dass die Stadt Münster plant, die für ihre Schulen 2021 angeschafften mobilen Luftfilter zu verschrotten, weil sie angeblich nicht mehr benötigt würden. Wie die Westfälischen Nachrichten am 7. August 2024 berichteten, soll der Stadtrat über eine entsprechende Beschlussvorlage am kommenden Mittwoch, den 11.9. entscheiden.

Eltern aus Münster haben auf diese Pläne entsetzt reagiert und kritisiert, dass, anders als von der Stadt Münster behauptet, keineswegs in allen betroffenen Bildungseinrichtungen transparent abgefragt wurde, ob eine Nutzung der Luftfilter von den jeweiligen Schulfamilien weiterhin gewünscht sei. In einem offenen Brief forderte eine Elterngruppe die politisch Verantwortlichen auf, „zu überprüfen, ob wir uns tatsächlich leisten wollen und können, vorhandene und wissenschaftlich nachgewiesenermaßen effiziente Schutzmaßnahmen zum Wohle unserer Kinder einfach sprichwörtlich auf den Müll zu werfen“.

Wie die Münsteraner Eltern weiter schrieben, spielen „Schulen (..) eine sehr große Rolle bei der Prävention von Ansteckungen, weil dort viele Menschen aus verschiedenen Haushalten über einen längeren Zeitraum in schlecht belüfteten Innenräumen zusammenkommen. Gerade Familien, denen Schutz aufgrund von Vorerkrankungen besonders wichtig ist, aber auch Eltern, die sich aufgrund ihrer beruflichen Situation vermeidbare Krankheitsfälle nicht leisten können und/oder wollen, sind betroffen, (…) von bakteriellen Folgeinfektionen und postviralen Syndromen (…) mal ganz abgesehen.“„

Auch bei der Virologin und Chefärztin an der münsterländischen Mathias-Stiftung, Dr. Jana Schroeder wird in der Aussendung von Protect the Kids zitiert – sie hatte kürzlich ebenfalls die geplante Luftfilter-Verschrottung kritisiert: „In einem Gastbeitrag für das Münsteraner Online-Stadtmagazin „RUMS“ monierte sie vor einer Woche, dass die „Erkenntnisse aus der Pandemie über Krankheiten, bei denen die Ansteckung über die Atemwege erfolgt, und die Werkzeuge zu ihrer Eindämmung (..) auch vier Jahre nach der Pandemie bei den Verantwortlichen noch nicht wirklich angekommen“ seien. „Das traurige Schicksal der Luftfilter steht symbolhaft für den aktuellen gesamtgesellschaftlichen Umgang mit der Pandemie. Es ist eine Normalitätssimulation. Statt Prävention als Lehre aus der Pandemie in den Fokus zu nehmen und erwiesenermaßen effizienten Werkzeuge gegen Infektionskrankheiten gezielt zu nutzen, ergreift man keinerlei Maßnahmen mehr. Das begünstigt Infektionen. Dass die Weltgesundheitsorganisation aktuell dazu aufruft, das Infektionsrisiko durch Ergreifen entsprechender Schutzmaßnahmen auch weiterhin zu reduzieren, ignoriert man“, beklagt Schroeder.“

Protect the Kids schließt sich der Kritik an und fasst zusammen:

„Wir möchten darauf hinweisen, dass die Wirksamkeit von mobilen Luftfiltern bei der Eindämmung von aersolübertragenen Viren wie etwa Corona-, Influenza-, RSV- oder Erkältungsviren in wissenschaftlichen Studien vielfach belegt wurde (Vgl. z.B. die umfangreiche Studienzusammenstellung von Prof. Dr. Hartmut Herrmann vom Tropos-Institut Leipzig). Aufgrund dieser Befunde überrascht es nicht, dass international angesehene Forscher:innen erst kürzlich im Science Magazin gemeinsam gefordert haben, dass als Lehre aus der Pandemie verstärkte Anstrengungen für saubere Luft in öffentlichen Innenräumen geboten seien. Hierbei bleibe der Einsatz von Luftfiltern ein sinnvoller Baustein in einem durchdachten Clean-Air-Gesamtkonzept, betonen die Expert:innen.“

Schließlich fordert die Initiative: „Statt Luftfilter zu verschrotten, sollte Münster aus der Pandemie lernen.“ Sie ruft den Stadtrat von Münster auf, die Beschlussvorlage zur Luftfilter-Verschrottung am 11.9. abzulehnen: „In diesem Sinne fordern wir den Stadtrat von Münster auf, sich einer am 22. August von der CDU-Ratsfraktion Münster veröffentlichen Stellungnahme anzuschließen und die Beschlussvorlage für eine Luftfilter-Verschrottung am 11.9. abzulehnen.“

Titelbild: Symbolbild / Winx Air Purifier

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