Gefühlt der ganze Globus ächzte die letzten Wochen unter der Hitze. Dann folgten Waldbrände, massive Unwetter, Überschwemmungen, Sturzfluten mit Toten: Wer nun die Klimakrise weiter leugnet, dem ist wirklich nicht mehr zu helfen (und dem sollte auch nicht mehr geholfen werden). Die intellektuelle Hilflosigkeit und emotionale Überforderung, die aus nicht im Ansatz witzigen, aber endlos dummen Social Media-Posts der ehemaligen bayrischen Kabarettistin Monika Gruber sprechen sind so offensichtlich, dass sie auch den gängigsten Überlebensmechanismus unserer Gegenwart offenbaren: Die kollektive Verdrängung unwiderlegbarer Realitäten, für die es keine schnellen, einfachen Lösungen zu geben scheint.

von Christian Klosz

Was im Umgang mit Covid, Long Covid und der Pandemie perfektioniert wurde, probieren manche nun auch mit dem Klimawandel: Leugnen, lächerlich machen, verharmlosen. Sich auf jene einschießen, die das Problem beim Namen nennen, nicht auf das Problem selbst. Das Prinzip kennt man aus toxischen Familiensystemen oder Beziehungen, „was nicht sein darf, kann nicht sein.“

Covid-Leugner unter den Klimakrise-Verstehern

Durchaus interessant ist dabei, dass beim Klimawandel immerhin noch eine Mehrheit auf der „richtigen Seite“ steht und die Tatsachen zumindest zu einem gewissen Ausmaß anerkennt. Absurd wird es aber, wenn Journalisten, die ihrerseits die Covid-Verdrängung aktiv mit betrieben haben (oder weiter betreiben) die Klimawandel-Leugnung skandalisieren, wie das zuletzt in manchen Artikel geschehen war. Skandalös, dumm, rückschrittlich und wissenschaftsfeindlich ist beides in gleichem Ausmaß. Eines der Probleme unserer Zeit erfasst zu haben spricht nicht frei davon, auch ein anderes anerkennen zu sollen und zu müssen.

Die alles entscheidende Frage ist: Wie sollen die, die den Mut haben, die Wirklichkeit weiterhin auf Basis eines aufgeklärten, evidenzbasierten Weltbildes zu betrachten mit der Realität der kollektiven Verdrängung(en) umgehen?

Überleben in der Verdrängung

Psychologisch lassen sich diese Mechanismen freilich bestens erklären – sie sind nachvollziehbar und verständlich, und sie machen bis zu einem gewissen Ausmaß auch Sinn. Aber wenn die Verdrängung zu massiven negativen Folgen für die Verdrängenden UND alle anderen führt, was dann?

Verdrängung ist ein Überlebensmechanismus. Er wehrt Aspekte der Wirklichkeit ab, die die individuelle Psyche nicht verarbeiten kann. Oder die Gesellschaft/Kultur als Form „kollektiver Psyche“. Das kann eine Weile gut gehen, aber nie dauerhaft. Je länger und massiver etwas verdrängt wird, desto heftiger äußert es sich irgendwann. In ursprünglicher oder veränderter Form.

Die Schuld der Medien und er Politik

Die Tragik der aktuellen Situation, die viele völlig zurecht wütend macht, ist, dass die Lösungen längst am Tisch liegen, sowohl in Bezug auf Covid, Long Covid und Co., als auch in Bezug auf den Klimawandel. Beides wird ein großes Umdenken erfordern. Eine „Kulturänderung“. Beides wird auch Maßnahmen und gesetzliche Regelung brauchen. Und es wird Geld kosten. Aber es ist absolut machbar.

Was dagegen steht, was aktive und nachhaltige Lösungen verhindert, ist die Angst der Politik vor Stimmenverlusten und Machtverlust und die Angst vieler Medien vor Backlashes und geringeren Werbeeinnahmen durch geringe „Klickzahlen“. Aber: Je länger nichts passiert, je länger ein „Weiter wie bisher“ betrieben wird, desto mehr Schuld laden die Verantwortlichen auf ihre Schultern.

Man möchte nicht vom apokalyptischen Szenario „Ende der Menschheit“ ausgehen, es gibt genügend Menschen, die wissen, was zu tun ist, genügend Experten und Fachleute, die unermüdlich Studien produzieren, Bürger, die in ihrem Privatleben bereits Lösungen gefunden haben, sei es nun in Bezug auf Infektionsschutz, nachhaltige Gesundheit oder nachhaltigen Klimaschutz. Eingeschränkt und behindert werden sie hauptsächlich durch die „Mehrheit“, die eben blind das tut, was „alle tun“. Es ist ein kolossales Versagen der Politik, nahezu aller etablierten Parteien, des Bildungswesens und vieler Medien, das zugelassen zu haben, ja noch befördert zu haben. Und nun die Folgen weitgehend zu ignorieren.

Hoffnung

Wie wird das ausgehen? Im schlimmsten Fall wird Darwins Theorie des „survival of the fittest“ schlagend: Jene, die sich am besten an geänderte Bedingungen anpassen können, werden überleben und daran wachsen. Sie werden die Zukunft der Menschheit gestalten. Sie werden weiter Vertrauen in Forschung und Wissenschaft setzen und mit ihrer ihnen eigenen Resilienz ihr Leben daran ausrichten.

Es wird unschuldige Opfer geben, noch mehr mitschuldige und ganz viele schuldige. Denn wer am lautesten – inmitten eines brennenden Hauses stehend – schreit „Feuer war immer schon warm! Keine Panik!“ wird als erster verbrennen. Wer sich auf die Flucht macht, kann überleben. Und wer von vornherein außerhalb des Hauses stand, wird ziemlich sicher überleben.

Es ist nicht so, dass man „nichts tun“ könne und man diesen fordernden Realitäten hilflos gegenüber stünde. Und jene, die sich selbst nicht schützen können, die Hilfe brauchen und sich helfen lassen wollen wird man gerne mitnehmen auf dem konstruktiven, lösungsorientierten Weg Richtung Zukunft.

Scheideweg

Es liegt nun an den aktuellen politischen Verantwortungsträgern und auch an den Medien, ob sie ihrerseits einen konstruktiven Beitrag zur Zukunft der Menschheit leisten möchten. Oder von der Geschichte hinweggefegt werden wollen.

Und die breite Masse, besonders jene, die allzu gern den Kopf in den Sand stecken, sollten sich nicht zu sicher sein, dass jene, die bereits jetzt mit einem Bein in der Zukunft stehen, für die die Kopfsandmenschen immer mehr zum Klotz am Bein werden, dass jene, wenn die träge Masse völlig erschlafft, im Treibsand der eigenen Trägheit erstickt und versandet, jene Klugen, Vernünftigen, die an die Menschheit glauben, dass sie, wenn sie mit beiden Beinen voran gehen, dann ihre Hände nach hinten ausstrecken werden.

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Titelbild: (c) Das_Medium

2 Antworten zu „Klima, Covid & Co.: Überleben in der Verdrängung statt Leben mit der Lösung | Kommentar“

  1. Avatar von ToughTimeTalk
    ToughTimeTalk

    In vielen Punkten stimme ich zu, in manchen widerspreche ich, aber das ist ja das, wovon ein Meinungsaustausch auch leben sollte.
    Was mir aber immer wieder auffällt im Bezug auf die Politik und Parteien:
    Ständig wird nahezu überall geschrien und gerufen, dass „die da oben“ ja nichts tun (oder das Falsche tun), Vorwürfe bezüglich Korruption werden breitgetreten und schließlich werden wir ja sowieso von den Politikern und Politikerinnen an der Nase herumgeführt.
    Aber sind wir doch mal ehrlich, was tut die breite Masse der Gesellschaft denn bei jeder einzelnen Wahl?
    Richtig! Immer die selben großen, etablierten Parteien wählen. Weil das schon immer so war. Weil man das so macht. Weil die kleinen Parteien ja sowieso nie an die Macht kommen und aus denen ja eh nie was wird.
    Und letzteres ist auch ein Stück weit korrekt, nur werden die Gründe dafür nie hinterfragt! Denn die heute großen Parteien waren das auch nicht von Anfang an, diese waren auch mal neu, unbekannt und klein. Groß gemacht wurden sie von den Wählern und Wählerinnen im Lauf der Zeit. Kleine Parteien werden niemals groß, wenn sich in den Köpfen der Gesellschaft da nicht grundlegend etwas ändert.
    Denn: Wenn wir uns bei einer Wahl immer wieder für die selben Optionen entscheiden, wie können wir dann im Umkehrschluss verlangen und erwarten, dass sich irgendetwas verändert?

    Gefällt 1 Person

    1. Zuerst: Danke für’s Lesen und Mitdenken und Kommentieren. Der Text soll auch einen Diskussionsraum aufmachen, um auf Grundlage der Wirklichkeit darüber zu sprechen, was zu ändern ist, und wie. Dass das alles so wie jetzt nicht weitergehen kann, ist ja klar.

      Ich verstehe deinen Einwand absolut, natürlich trifft auch die „Masse“ eine Schuld, ich denke, das geht aus dem Text auch hervor. Folgend der grundlegenden Idee der repräsentativen Demokratie ist es aber mmn. auch richtig, von den Regierenden zu erwarten, dass sie sich um die aktuellen Probleme kümmern. Ihnen wird vom Volk die Macht übertragen, das zu tun. Tun sie das nicht, ist es wichtig und richtig, das zu benennen und ihre Verantwortung aufzuzeigen. Verantwortung trifft auch viele Medien, die ja die Funktion eines „Korrektivs“ haben sollten. Gerade beim Thema Covid, Pandemie, Long Covid, Infektionsschutz usw., teils aber auch bzgl. Klima haben viele (Massen-)Medien kläglich versagt. Sie sehen ihre Aufgabe nicht mehr zuerst darin, zu informieren und zu kritisieren, sondern den Lesern „nach dem Mund“ zu reden, um Klicks zu generieren und Anzeigen zu verkaufen. So fehlt immer stärker ein faktenbasiertes Korrektiv. In das Vakuum stoßen dann neue Schwurbel-Medien, die mit Lügen und Verschwörungstheorien operieren. Was die Gesellschaft weiter zerstört.

      Aus meiner Sicht wird es neue Bewegungen und Parteien geben müssen. Und neue Medien. Eine neue Aufklärung. Ich möchte aber auch die Hoffnung nicht ganz aufgeben, etablierte Instanzen wieder in einen faktenbasierten Diskurs zurückzwingen zu können.

      Mein Kernaussage ist, dass es Menschen gibt, die sich über die Zukunft der Gesellschaft und Menschheit Gedanken machen. Sich mit machbaren Lösungen für drängende Probleme auseinandersetzen. Die Lösungen liegen am Tisch. Dass diese Menschen lauter, vereinter, selbstbewusster auftreten müssen. Ob das dann in die Gründung neuer Parteien mündet, wird man sehen, es ist eine Option.

      Die Frage bleibt, wie man „die Masse“ erreicht, die nun mal durch Desinformation verblendet und erblindet ist. Meine Einschätzung wäre, dass man 1/3 der Bevölkerung ziemlich leicht überzeugen könnte. 1/3 mit viel Mühe, teilweise. Und 1/3 ist lost, die muss man aufgeben bzw. werden die sich mittelfristig ohnehin selbst eliminieren.

      Voraussetzung für all das ist aber, den Mechanismus der kollektiven Verdrängung in der Gesellschaft zu durchbrechen. Nicht nur die offensive Abwehr, die von Parteien wie der AfD, FPÖ, Trump usw betrieben wird. Auch das bequeme „Zurücklehnen“, das sich im eigenen Untergang gemütlich machen, und zu warten, bis irgendwer die Probleme löst. Das ist mmn. genau so gefährlich wie eine blinde Verdammung des „Systems“, der „Eliten da oben“. Es ist Ausdruck der gleichen Hilflosigkeit. Da diese Verdrängung aber hegemonial ist, „von höchster Stelle“ (Politik, Arbeitgeber, Wirtschaft, Medien) gefordert und gefördert wird, um das aktuelle, kapitalistische System am Laufen zu haben, ist das Unterfangen irrsinnig schwer. / Christian Klosz

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