Kommentar von Christian Klosz

US-Machthaber Trump ist gestern durch seinen abscheulichen Auftritt – unter kräftiger Mithilfe seines Vize JD Vance – etwas gelungen, das Europa selbst jahrelang nicht geschafft hat: Den Kontinent zu einen. Alle europäischen Regierungschefs inklusive der EU-Spitzen (abgesehen von Ungarn, das sich dadurch immer weiter selbst isoliert) ließen nach Trumps Angriff auf den ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj im Oval Office in Social Medias glasklar wissen, wo sie stehen: An der Seite der Ukraine. Der gemeinsame Feind ist Russland. Und jeder, der sich mit der Ukraine anlegt, legt sich auch mit Europa an. So geeint hat man den Kontinent sehr lange nicht gesehen.

Ob diese im Minutentakt veröffentlichten Unterstützungserklärungen untereinander abgestimmt waren, kann man nur mutmaßen. Beachtlich ist jedenfalls, dass der Wortlaut oft ähnlich war. Und Regierungschefs aller politischer Coleurs ins selbe Horn stießen: Die italienische Rechtsaußen-Regierungschefin Meloni, der Zentrist Macron, die Sozialdemokraten Sanchez (Spanien) und Starmer (UK), plötzlich standen sie vereint. Hinter der Ukraine, gegen den Feind Russland. Und als „Schutzmacht“ gegenüber den Trump-USA vor der Ukraine. Auch Kanada und Australien deklarierten sich klar pro Ukraine.

Trump hat sein Land damit weiter isoliert und geschwächt, auf die uneingeschränkte Unterstützung der Europäer braucht er nicht mehr hoffen. Die Verbündeten der USA heißen nun Russland und Nordkorea.

Worin auch in Europa noch unterschiedliche Auffassungen herrschen, ist die Frage, wie weit der Bruch mit den USA geht und gehen soll. Macron steht für einen Kurs zwischen Umgarnen und klarer Kante, während vor allem die nordischen und baltischen Staaten einen noch härteren Kurs vorziehen, der vor allem auf Selbstaufrüstung setzt. Sie sind auch im direktesten von Russland bedroht. Was inzwischen aber allen klar geworden sein dürfte: Die USA sind kein verlässlicher geopolitischer Partner mehr.

Was den Auftritt von Trump und Vance selbst betrifft, gibt es verschiedene Interpretationsansätze:

  1. Der „Hinterhalt“ gegen Selenskyj war geplant und inszeniert, mit dem Ziel, den ukrainischen Präsidenten in eine scheinbar schwächere Verhandlungsposition zu bringen. Für diese Erklärung sprich, dass Trump offenbar auch Weltpolitik als Spiel des „Deal-Making“ sieht, weil das alles ist, was er kann, Belege dafür wären Aussagen wie „you don’t have the cards right now“ an Selenskyj. War das der Hintergrund der Aktion, steht Trump nun zweifach als Verlierer da: Erstens hätte er erneut offenbart, und dass ihm schlicht das Zeug für geopolitische Diplomatie fehlt, das Feingefühl und die Intelligenz, anderen auf Augenhöhe zu begegnen. Es geht nicht nicht um irgendwelche Deals, sondern um Krieg und Frieden und die Zukunft der Menschheit. Zweitens hätte er durch den Auftritt das genaue Gegenteil erreicht: Die Ukraine steht nun durch die europäische Unterstützung in einer viel stärkeren Position da, als davor. Übrigens: Der Rohstoff-Deal, um den es Trump offenbar auch ging, wurde nicht unterzeichnet. Eine weitere Niederlage.
  2. Hinter dem Angriff steckt kein eigenes Interesse, es war mit Putin und Russland abgesprochen und nichts weniger als eine indirekte Kriegserklärung an die Ukraine. Dafür spricht das Abstimmungsverhalten der USA zuletzt in der UNO. Und die Gerüchte, Trump wäre ein russischer Agent. Oder Putin hätte etwas „gegen ihn in der Hand“. In dem Fall wäre der Auftritt ein Auftragsangriff, gesteuert aus dem Kreml, gewesen. Wenn das zutrifft, ist die Lage für die USA wohl noch düsterer, da ihr Präsident durch einen Diktator erpressbar wäre.
  3. Es waren weder Kalkül, noch externer Druck, sondern schlicht politische Unbedarftheit, gepaart mit persönlichen Motiven, die Trump und Vance in dieses Desaster schlittern ließen. Sprich: Trump dachte sich vor, während und nach dem Auftritt gar nichts, verhielt sich eben, wie er sich verhält und er es in seinen TV-Shows gelernt hat, unfähig zu erkennen, dass das Oval Office kein TV-Studio ist. Für persönliche Motive – etwa Neid auf Joe Biden, der sich bestens mit Selenskyj verstand – sprechen einige Anmerkungen Trumps in diese Richtung. Man kann die Spekulation über „persönliche Hintergründe“ noch weitertreiben: Die Auftritte Trumps in den letzten Wochen und Monaten zeugen von einem scheinbaren geistigen Verfall, er weiß oft nicht mehr, was er ein paar Tage davor noch gesagt hat. Wenn sich Trump in ein paar Tagen nicht mehr daran erinnert, was gestern passiert ist, spricht einiges für diese These.

Egal, welche der 3 Thesen zutrifft: Mittel- und langfristig werden die USA geschwächt aus den Verfällen vom 28.2.2025 hervorgehen. Bemühte Versuche von Trump-Speichelleckern, „alternative Fakten“ zu schaffen, werden an den realpolitischen Realitäten zerplatzen. Die wenigen politischen Kommentatoren, die das Verhalten Selenskyjs kritisieren oder einen „Erfolg“ Trumps sehen betreiben selbst Täter-Opfer-Umkehr: Sie applaudieren feige dem Bully.

All jene, die in dem Vorfall eine Stärkung Putins sehen, irren, weil der Blick nicht weit genug reicht: Natürlich kann man die Lesart vertreten, die Verbündung der Trump-Regierung mit Russland auf offener Bühne ist ein Erfolg für den russischen Machthaber. Diese Interpretation ist aber kurzfristig gedacht: Die Trump-USA werden nie aktiv aufseiten Russlands in den Krieg eingreifen, zum einen, weil Trump die USA auf keinen Fall in einen weiteren Krieg auf fremdem Terrain verstricken will. Zum anderen würden sich weite Teile des US-Militärs dagegen stellen, viele der Generäle wurde im Kalten Krieg sozialisiert und sehen in Russland immer noch den Staatsfeind Nummer 1. Militärisch bleibt Russland also allein. Und dass das Land auch militärisch nicht so stark ist, wie es gern hätte, zeigt allein die Tatsache, dass man es in 3 Jahren nicht geschafft hat, die viel kleinere und militärisch bei weitem unterlegene Ukraine zu unterwerfen.

Trotz der Verwunderung , des Schocks und der Fassungslosigkeit, die derzeit viele Debatten dominieren, ist Mut und Hoffnung angesagt: Europa steht geeint an der Seite der Ukraine und auf der Seite von Demokratie. Weiter Schritte, gerade in Hinblick auf Sicherheit und Selbstverteidigung werden nötig sein, dazu noch höher dotierte Unterstützung der Ukraine. Doch ein wieder geeintes, selbstbewusstes Europa sollte man nicht unterschätzen. Nach der Selbstaufgabe der USA wird der neue „Anführer der freien Welt“ aus Europa kommen.

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Eine Antwort zu „Trump demontiert die USA. Und eint Europa. | Kommentar“

  1. […] die groß angekündigten Maßnahmen von Bürokratieabbau, der Tarif-Chaos und nicht zuletzt das erratische außenpolitische Agieren nicht zu den erwünschten Erfolgen geführt haben, macht sich Nervosität und Frustration […]

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