Geschichte wiederholt sich. Ganz allgemein, aber auch konkret: Wie es derzeit aussieht, gewinnt Donald Trump die US-Wahl, FOX hat ihn bereits als Sieger ausgerufen, andere Sender wie CNN werden angesichts der noch ausständigen Wahlstimmen bald folgen, der neue alte Präsident hat bereits eine Rede gehalten und sich zum Sieger ernannt. Nachdem das Rennen zwischen Demokratin Kamala Harris und Republikaner Trump in den letzten Wochen zunehmend enger wurde, ist das Ergebnis zwar keine völlig unerwartete Überraschung wie 2016. Aber doch eine ziemliche.

von Christian Klosz

Zur Einordnung muss man den US-Wahlkampf Revue passieren lassen: Joe Biden war als Favorit in das Rennen gegangen. Sein desaströser Auftritt in der TV-Debatte gegen Trump im Juni ließ in seiner Partei die Alarmglocken schrillen, Rufe nach einem Rücktritt wurden lauter. Im Juli überlebte Trump knapp ein Attentat, seine Rolle als „Märtyrer“ ließ ihn zu dem Zeitpunkt als fast sicheren Sieger erscheinen, zumal gegen einen nicht konkurrenzfähigen Gegner. Dann bekam Biden Covid, isolierte sich viele Tage zuhause und fällte die Entscheidung, sich doch nicht fit genug für die Wahl zu fühlen und als Kandidat zurückzutreten. Seither sah man ihn kaum noch bei öffentlichen Auftritten.

Die Festlegung der Partei auf seine im Amt bis dahin recht erfolglose und unbeliebte Vize Kamala Harris als Ersatzkandidatin erfolgte schnell, vielleicht zu schnell, anfangs auch gegen den Widerstand maßgeblicher demokratischer Akteure (wie etwa Nancy Pelosi). Sie war die logische Wahl, weil sie auf Bidens Wahlkampfbudget zugreifen konnte. Und seine Kampagne inhaltlich fortführen konnte. Rückblickend war sie wohl die falsche Wahl, die Bedenken vieler Demokraten damals waren berechtigt gewesen.

Nach der Festlegung auf Harris, ihrem Sieg im TV-Duell gegen Trump und der Nominierung des beliebten Tim Walz als ihr Running Mate drehte das Momentum allerdings eindeutig zugunsten Harris‘, sie zog in Umfragen davon, sah plötzlich als sichere Siegerin aus. Trump wütete und sorgte in der Folge für immer wirrere Auftritte.

In den letzten Wochen näherten sich die Umfragewerte beider zunehmend wieder an, man sprach von einem „offenen Rennen“, eine wirklich logische Erklärung gab es dafür nicht. Der Hype um Harris und Walz war verpufft, auf der anderen Seite irritierte Trump mit immer verrückteren und abstoßenderen Auftritten, die ihn zunehmend auch als alt, gesundheitlich angeschlagen und kognitiv nicht mehr auf der Höhe erscheinen ließen. Geschadet hat ihm das scheinbar nicht. Hätten er oder seine Partei so etwas wie Integrität, wäre auch er – wie Biden und aus ähnlichen Gründen – aus dem Rennen ausgestiegen. Natürlich ist das nicht passiert.

Wie also kann es sein, dass die Mehrheit der Amerikaner einen politisch völlig ahnungslosen, intellektuell minderbegabten, kognitiv offenkundig überforderten, moralisch verkommenen Populisten mit faschistischen Fantasien ohne jegliche reale Lösungen für die Zukunft für die beste Wahl hält? Vermutlich, weil es vielen von ihnen ähnlich geht. Sie sind von der Gegenwart mit all ihren Krisen überfordert, wünschen sich „Normalität“, dass alles wieder wird, „wie es früher war“, ohne sich selbst anpassen oder aktiv dabei mitwirken zu müssen. Trump repräsentiert ein durch Unwissen, Ignoranz, Verdrängung und Anpassungsunfähigkeit geprägtes Weltbild, das die Ursachen für Probleme im „Außen“ sucht, in „den anderen“ (Ausländer, Immigranten, „Linke“, Trans-Personen….), als Zeichen von persönlicher Schwäche, die daher umso mehr als „Stärke“ überbetont werden muss. Auf viele Menschen, denen es ähnlich geht, wirkt das attraktiv. Der Aufstieg der Faschisten in Europa in den 1920ern und 1930ern oder anderswo erfolgte immer nach ähnlichem Muster wie nun in den USA.

Trump ist eine Droge fürs Volk. Er verspricht Amerikanern Dinge, die er nicht umsetzen kann und auch nicht will. Aber allein die Erzählung eines „wieder großen Amerikas“ reicht vielen Menschen aus. Die Wahl Trumps ist eine Wahl für Ignoranz, Rückständigkeit, Dummheit und Barbarei. Die USA (und die Welt) braucht Lösungen für reale Krisen: Die immer noch andauernde Corona-Pandemie und ihre Folgen und Auswirkungen, die Klimakrise, den Umgang mit Diktatoren wie Putin und Wirtschaftskrisen, die mit vorher genannten Faktoren zusammenhängen. Die Herausforderungen sind enorm, deren Lösung unumgänglich, aber auch komplex und kompliziert. Wie oft, wenn Menschen sich mit unlösbaren Problemen konfrontiert sehen, stecken sie den Kopf in den Sand. Oder lassen sich Sand in die Augen streuen. Mit gleichem Resultat: Sie sehen die Wirklichkeit nicht mehr, und das fühlt sich angenehm an, zumindest für eine Weile.

Trump ist eine Krankheit der Zeit. Wie jede Krankheit wird auch er irgendwann verschwinden. Die Frage, die sich die Demokraten in den USA stellen müssen, ist, ob sie klar genug darin waren, anzusprechen, was ist unbd was zu tun ist: Auch sie präsentierten im Wahlkampf keine Lösungen für den Umgang mit der Pandemie und ihren Folgen (wie Long Covid, das schon jetzt die US-Wirtschaft massiv schwächt) und keine klaren Lösungen für den Klimawandel, dessen Folgen gerade in den USA in den letzten Wochen durch massive Unwetter sichtbar wurden. Auch die wirtschaftlichen Probleme und die Inflation wurden zeitweise heruntergespielt.

Zusammengefasst: Große Teile der US-Gesellschaft sind mit Krisen und massiven Auswirkungen auf das persönliche Leben konfrontiert, noch stärker als 2016, als dies Trump bereits den Sieg brachte. Die Demokraten und Harris sprachen viele der Ursachen nicht klar genug an und präsentierten zu wenige Lösungen. Und vor allem waren die präsentierten Lösungen für viele Menschen nicht glaubhaft und „greifbar“ genug. Zudem fehlte ein Kandidat oder eine Kandidatin mit genug Strahlkraft für die breite Masse, diese Vision einer künftigen Gesellschaft zu vermitteln. Trump präsentierte keine Lösungen, dafür Sündenböcke und das Versprechen, „alles wieder gut“ zu machen. Vielen Wählern reicht(e) das in ihrer Verzweiflung aus.

Bild: Fotomontage

Eine Antwort zu „Der Sieg der Verlierer: Donald Trump wieder US-Präsident“

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