In Bezug auf die Themen Corona, Long Covid etc. leben unsere (westlichen) Gesellschaften in kollektiver Verdrängung, wie zuletzt auch hier dargestellt wurde. Die Mehrheit der Menschen hat sich wider besseres Wissen oder mangels nötigen Wissens dafür entschieden, die umfassende Verdrängung auf allen Ebenen wird gesellschaftlich und systemisch akzeptiert oder gar eingefordert, der Verstoß gegen das Verdrängungs-Gebot oft sanktioniert. Dagegen lässt sich kurzfristig wenig ausrichten. Die katastrophalen Folgen werden in den nächsten Jahren und Jahrzehnten zur Gänze sichtbar werden.

von Christian Klosz

Nun gibt es die „Meta-Perspektive“, die diese Vorgänge massen-psychologisch und soziologisch analytisch fasst und sie erklären kann. Es gibt aber auch die einzelnen, ganz konkreten Fallbeispiele, die die unfassbare Tragik unseres gesamtgesellschaftlichen Zustands sichtbar machen. Ein solches Beispiel, gestern selbst erlebt, möchte ich hier schildern, da es symptomatisch für die destruktiven Konsequenzen der Verdrängung steht, die am Ende am meisten jene treffen, die verdrängen.

Ich muss etwas ausholen: Letztes Jahr im Frühsommer war ich in einem in der Nähe gelegenen, großen Supermarkt einkaufen. Wie fast immer, bereits damals, war ich der einzige mit Maske, wie fast immer war mir das unangenehm, aber es war halt alternativlos. Nach dem Einkauf ging ich zu einer der Selbstzahler-Kassen. Ich scannte also meine Produkte, als die dem Bereich zugeteilte Kassiererin auf mich zukam und mich fragte, ob ich denn Corona habe, weil ich eine Maske trüge. Ich kannte die Kassiererin nicht, ich war das bis zu dem Zeitpunkt auch noch nie von jemandem gefragt worden und empfand es als unangenehm.

Ich sagte ihr, dass ich kein Corona hätte, aber dass ich mich nicht noch einmal infizieren möchte, da meine erste Infektion für 3 Monate zu Zuständen geführt habe, die man rückblickend als Long Covid bezeichnen muss. Und ich das nicht noch einmal möchte. Ich erwähnte auch, dass es mir inzwischen zum Glück wieder gut ginge und ich wolle, dass das so bleibe.

Da änderten sich Ton und Verhalten der Kassiererin schlagartig, es begann, aus ihr herauszusprudeln: Sie erzählte mir, dass sie bisher 2 Infektionen durchgemacht habe, dass es ihr während und nach beiden wirklich schlecht gegangen wäre und dass sie immer noch an schweren Folgen leide: Kurzatmigkeit, Erschöpfung, plötzliche Schwindelattacken etc. Sie fragte, ob ich das auch hätte, was man da machen könne, etc. Ich sagte ihr, dass ich das nach meiner Infektion eine Weile gehabt hätte, inzwischen eben zum Glück nicht mehr, dass das aber durchaus nicht unüblich sei.

Sie sagte auch, dass sie bei bereits 3 Ärzten gewesen sei, die sie alle nicht ernst genommen hätten, die ihr gesagt hätten, sie habe nichts, das wäre alles nur „in ihrem Kopf“ und „eingebildet“. Ich hörte ihr zu, sagte ihr, dass sie nicht falsch liege mit ihrem „Bauchgefühl“, dass da etwas „nicht stimme“. Dass diese Ärzte falsch lägen, dass es online Websites gäbe, die akkurat über Long Covid aufklären würden. Sie erwähnte auch, dass es ihrem Vater, der inzwischen im Pensionsalter ist, nach seiner Corona-Infektion schlecht ginge, er früher gesund und für sein Alter recht fit gewesen sei, sich nun aber nur noch mit einer Gehhilfe weiterbewegen könne. Zusammengefasst: Sie nahm „Corona“ durch ihre eigenen Erfahrungen durchaus ernst, ihr fehlten aber Anknüpfungspunkte, nötige Informationen, die Hilfe von Ärzten, kombiniert mit dem gesellschaftlichen Druck zur Verdrängung, dass ja alles „vorbei“ und „nicht so schlimm“ sei.

Ich musste dann weiter, sie auch. Sie bedankte sich fürs Zuhören und die Hilfe. Am Ende erwähnte ich noch, dass es natürlich nicht einfach sei, immer als einziger mit Maske unterwegs zu sein, mir aber meine Gesundheit wichtiger sei. Sie sagte, sie würde das verstehen (während sie selbst keine Maske trug), ich solle mir da keine Gedanken machen und es müsse mir egal sein, was irgendwelche anderen Menschen darüber denken würden.

Es war ein sehr positives Erlebnis für mich, weil ich das Gefühl bekam, helfen zu können, auch eine Art „Bestätigung“ zu bekommen, das Richtige zu tun. Es bestätigte auch, dass wohl sehr viele Menschen im Stillen an Folgen von Corona-Infektionen leiden, keine Hilfe bekommen, von Ärzten falsch behandelt oder schlicht belogen werden, niemandem zum Reden haben.

Zuhause schrieb ich 3 Anlaufstellen für Long Covid-Betroffene auf einen Zettel, den ich bei den nächsten Besuchen in dem Supermarkt immer dabei hatte, um ihn der Kassierern zu geben. Leider sah ich sie nicht mehr. Ich ging davon aus, dass sie aufgrund ihres Gesundheitszustands gekündigt hatte, entlassen wurde, im Krankenstand oder auf Reha war. Mir tat das leid, ich fand es schlimm, hakte die Sache aber dann ab, da es nichts gab, das ich hätte weiter tun können.

***

Gestern war ich seit längerem wieder in selbigem Supermarkt einkaufen, natürlich wieder als einziger mit Maske. Zu meiner Überraschung arbeitete die Kassiererin wieder dort, erneut im Selbstzahler-Bereich. Ich war mir sicher, dass sie mich erkannte (nicht zuletzt meine Maske als „Alleinstellungsmerkmal“), bei meiner Nachfrage zum Zahlvorgang gab es kurzen Kontakt. Ich war aber selbst sehr im Stress und war froh, als ich fertig war und den Markt verlassen konnte.

Im Auto überlegte ich lange, was ich machen sollte. Ich bin sonst eher nicht der Typ, der (fast) Unbekannte in der Öffentlichkeit anspricht, auf Menschen aktiv zugeht. Ich entschied mich trotzdem dazu, mich bei ihr einfach zu erkundigen, wie es ihr ginge, ob sie inzwischen Hilfe gefunden hätte. Ich ließ also meinen Einkauf im Wagen und ging noch einmal in den Markt.

Was dann passierte, war absurd, verrückt und illustriert den ganzen Irrsinn, den die kollektive Verdrängung bewirkt: Ich ging also durch den Markt und im Kassenbereich auf sie zu, sagte, dass wir ja letztes Jahr einmal geredet hätten und ich fragen wollte, wie… Sie ließ mich gar nicht so weit kommen, mehr zu sagen, panisch wich sie zurück, deutete mir zum Ausgang. Sie sagte, sie wolle nicht mit mir reden und gab mir zu verstehen, dass ich bitte gehen solle. Dann sagte sie, dass sie gerade Corona gehabt hätte und gab mir zu verstehen, dass ihr diese Situation, meine Anwesenheit sehr unangenehm sei. Perplex fragte ich nach, was sie damit meine, ob sie damit meine, dass ich Maske trüge. Sie sagte ja. Sie teilte mir also mit, dass sie gerade (erneut) Corona hatte, was offenbar eher schlimm für sie gewesen war. Und die Tatsache, dass ich in ihrer Gegenwart war, MIT Maske, die ich trage, um mich zu schützen, die auch sie schützen würde, wenn ich infiziert wäre, war für sie so unangenehm, so unerträglich, dass sie panisch vor mir zurückwich und mich bat, zu gehen. Nun gut.

Ich zuckte also mit den Schultern, machte mich auf den Weg Richtung Ausgang, sagte, dass ich nur helfen hätte wollen. Sie meinte, dass sie das nicht wolle und die Hilfe ja auch ablehnen könne. Am Rande sei erwähnt, dass sie selbst natürlich keine Maske trug. Ich sagte dann nur OK und verließ den Supermarkt. Mir tat die Kassiererin einerseits leid, zugleich war ich wütend ob der Dummheit, Ignoranz, Unwissenheit und Verblendung.

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Das Beispiel illustriert, wie durch den Zwang zur Verdrängung aus gesunden erst kranke Menschen werden, dann hilflose Hilfesuchende. Und am Ende offenbar tief traumatisierte, schwer leidende Individuen, die selbst beim Anblick einer durch andere getragenen Schutzmaske mit Panik oder Aggression auf jene reagieren, die ihre selbstzerstörerische Verdrängung „gefährden“, die ihren desolaten Zustand ursächlich bedingt hat.

Die Erfahrung war nicht schön, hat aber all die „Meta-Analysen“ exemplarisch bestätigt. Sie ließ mich auch an all jene Menschen denken, die besonders abwehrend auf Masken reagieren, auf andere Schutzmaßnahmen oder nur das Thema „Corona“. Auch an jene „Experten“ namens Streek, Kleinschnitz, Pürner und Co., die ihre offenkündigen Angstneurosen durch scheinbare Expertise zu kaschieren versuchen. An all jene, die stets am lautesten, heftigsten gegen sinnvolle, vernünftige, evidenz- und faktenbasierte Maßnahmen im Umgang mit Corona, Long Covid und Co. protestieren. An jene, die Menschen verächtlich machen und entwerten, die sich weiter schützen wollen, die das geschafft haben, wozu sie nicht in der Lage waren, woran sie gescheitert sind: An der Anpassung.

Es liegt die Vermutung nahe, dass nicht wenige von den virtuosesten Verdrängern selbst am meisten leiden. Im Stillen, alleine, unfähig, zu verstehen, es sich selbst einzugestehen, ihr Verhalten zu ändern. Ihre oftmals arrogante, egoistische Aggression und Abwehr ist am Ende lediglich Ausdruck von Hilflosigkeit und Schwäche. Sie tun mir leid.

Titelbild: KI-generiert

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