Fokus US-Wahlen

Im US-Wahlkampf ist in den letzten Wochen mehr passiert, als in den vergangenen Wahlkämpfen kombiniert. (Und die waren bekanntlich auch nicht gerade ereignislos.) Trumps erneute Kandidatur, Bidens historisch schlechte Performance im TV-Duell, die folgenden Diskussionen um seine Gesundheit, das Attentat auf Trump, das er nur knapp überlebte, die Covid-Infektion Bidens, sein schlussendlicher Rückzug und die Quasi-Nominierung von Kamala Harris als neue Kandidatin der Demokraten.

von Christian Klosz

Da ging die Nominierung des ehemaligen Buchautors J.D. Vance als Trumps Vize beinahe unter, in normalen Wahlkämpfen hätte diese Personalie allein für eine Menge Diskussionen gesorgt.

Nach dem überlebten Attentat sah sich Trump und die Umfragen ihn im Aufwind: Er konnte Märtyrer spielen, auf der anderen Seite stand ein kraft- und saftloser Gegenkandidat, der wie der sichere Verlierer aussah. Dann besann sich Biden doch noch – und die Demokraten konnten die Dynamik durch ihre schnelle Einigung auf Harris, bisher wenig auffällige und eher unbeliebte Vizepräsidentin Bidens, schnell zu ihren Gunsten drehen. Selbst wenn Trump die Wahl um die Präsidentschaft im November gewinnen sollte: Der zusätzliche Verlust von Senat und Kongress für die Demokraten gilt seit Harris‘ Installierung als unwahrscheinlich, auch weil die Spendengelder wieder fließen, Trump könnte also in keinem Fall ohne Gegenwind schalten und walten.

J.D. Vance – kein neuer Pence?

Hinzu kommen derzeit, eben zeitverzögert, heftige Diskussionen um J.D. Vance, Trumps „Ziehsohn“: Der 39-Jährige hat fraglos eine bemerkenswerte Vita vorzuweisen. Aufgewachsen im weißen Sub-Proletariat schaffte er es an die Elite-Uni. Und verarbeitete seine Herkunft im autobiografischen Bestseller-Roman „Hillbilly Elegy“, der dem liberalen, gebildeten und urbanen Amerika das Schicksal der Trump-Fans der ersten Stunde näherbringen sollte. Netflix verfilmte das Buch (-> Kritik). Und Vance tat sich lange Jahre als harscher Kritiker Donald Trumps hervor.

Er bezeichnete ihn als Demagogen, als „unmoralische Person“, er verachtete ihn und rief bei der Wahl 2016 zur Unterstützung der Demokraten auf. Was seinen Sinneswandel in den letzten Jahren ausgelöst hat, ist bisher nicht ermittelt. Vom „Never-Trumper“ wurde er zum glühenden Fan und fällt seit einigen Jahren durch Aussagen auf, die an Schärfe (oder Verrücktheit) jene seines Vorbilds beinahe übertreffen.

Wird Vance von Trump gefeuert?

Nun ist Vance gleich an mehreren Fronten mit massiver Kritik konfrontiert – und zwar nicht nur aus dem gegnerischen Lager, sondern vor allem aus dem eigenen:

1. Tauchten in den letzten Tagen dutzende E-Mails auf, in denen Vance wüst über seinen nunmehrigen Running-Mate schimpft. Seine Ablehnung war bereits bekannt, aber nicht in diesem Ausmaß. Dem Narzissten Trump wird das nicht gefallen.

2. Wurde bekannt, dass Vance diesen Mailverkehr mit einem ehemaligen Uni-Freund unterhielt, der nun als Transfrau lebt. Was an sich kein Thema sein sollte, könnte für das ultrakonservative, christliche Wählersegment, auf das die Republikaner angewiesen sind, abschreckend wirken.

3. Noch schlimmer: In einer Rede wetterte Vance kürzlich gegen karrieregeile, „kinderlose Katzenfrauen“ (?). Primär zielte er damit auf demokratische Politikerinnen. Doch in den US-Vororten dürfte das gerade bei der weiblichen Wählerschaft, die Richtung Republikaner tendiert, nicht gut ankommen.

4. Hinzu kommt die radikale Einstellung Vance‘ zu Abtreibungen: Während selbst Trump hier „liberaler“ agiert und die Entscheidung weiterhin den US-Bundesstaaten überlassen will, fordert Vance ein landesweites Abtreibungsverbot.

Es wird bereits heftig diskutiert, ob Trump seinen Running Mate loswerden will (oder soll), auch um das Heft des Handelns wieder an sich zu reißen. Hinter den Kulissen heißt es, namhafte Republikaner hatten Trump bereits vor längerem vor J.D. Vance gewarnt, der entschied sich trotzdem für ihn. Die nächsten Tage und Wochen werden zeigen, ob es für den gefallenen Literaten bald heißt: „You’re fired!“.

Bild: public domain / US-Kongress

Eine Antwort zu „Trumps „Ziehsohn“ J.D. Vance wird zum Problem“

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