Am vergangenen Samstag startete die 111. Tour de France, das wichtigste Radrennen der Welt. Angesichts des Starterfeldes war man von einem der spannendsten Rennen der letzten Jahrzehnte ausgegangen, doch Tage vor dem Start machte erneut die „Corona-Angst“ die Runde, da das Virus in den letzten Jahren den Ausgang mehrerer Rundfahrten massiv beeinflusst hatte, allen voran den Chaos-Giro 2023. Mitfavorit Remco Evenepoel trat mit Maske bei einer PK auf, das Team Visma-Lease a Bike setzt im Rahmen der Tour auf ein strenges Corona-Protokoll (tägliche Tests, Isolierung, ggf. Maske). Und Topfavorit Tadej Pogacar gab bekannt, gut 10 Tage vor dem Tour-Start an Corona erkrankt gewesen zu sein.
von Christian Klosz
Ein erstes Zwischenfazit nach 6 Etappen fällt eher enttäuschend aus. Vom angekündigten Showdown war bisher wenig zu sehen, obwohl die Etappen 1, 2 und 4 das richtige Terrain geboten hätten. Auf den ersten 3 Etappen passierte so gut wie nichts, bis auf eine Mini-Attacke von Pogacar am Ende von Etappe 2, die Co-Favorit Jonas Vingegaard problemlos mitgehen konnte. Pogacar wirkte auch nicht so fit wie bei seiner Dominanz beim Giro d’Italia (vor seiner Corona-Infektion), wo er die Etappen nach Belieben dominiert und seinen Konkurrenten pro Etappe Minuten abgenommen hatte. Entsprechende Mutmaßungen über seinen Gesundheitszustand, die auch Eurosport-Experte Alberto Contador vor dem Tour-Start angestellt hatte, beruhigten sich allerdings nach Etappe 4: Am letzten Schlussanstieg attackierte Pogacar, zwar sehr spät, aber doch, und gewann die Etappe souverän. Bei 100% dürfte er noch nicht sein, aber angesichts der Dominanz, die er im „Normalzustand“ zeigt und angesichts eines ebenfalls nicht ganz bei 100% stehenden Jonas Vingegaard (nach seinem schweren Sturz im April) reichte das trotzdem.
Ein anderer Top-10-Kandidat, der ebenfalls knapp vor dem Start an Corona erkrankt war, musste seine Ambitionen bereits nach Etappe 1 begraben: Schon an den ersten Anstiegen fiel David Gaudu zurück und verlor bis zum Ende der Etappe beinahe eine halbe Stunde. Um das Thema „Corona bei der Tour“ abzuschließen: Bisher gab es im laufenden Rennen keine (bekannten) Infektionen, was ein gutes Zeichen ist. Was bleibt, ist die dumme Aussage von Pogacar, der zu seiner Infektion meinte, sie wäre nur „wie eine Erkältung“ gewesen (was bei manchen Menschen so sein kann) und dass sich der Körper „an das Virus gewöhne“ und es deshalb nicht mehr so gefährlich sei (was Schwachsinn ist). Pogacars Aussage mag auf seinen Fall zutreffen, im Sinne seiner Vorbildwirkung ist sie trotzdem schädlich. Und aus medizinischer Sicht falsch. Sie widerspricht auch einem anderen Teil der Realität: Die beiden Mitfavoriten Tao Geoghegan Hart und Sepp Kuss mussten bereits vor dem Start des Rennens w.o. geben und konnte nicht antreten. Grund: Eine kürzliche Covid-Infektion. Auch die kürzlich publik gewordenen Fälle der deutschen Leichtathletinnen Malaika Mihambo, Sarah Vogel, Konstanze Klosterhalfen und Corinna Schwab, die voraussichtliche alle wegen akuter bzw. kürzlich überstandener Covid-Infektion oder gesundheitlicher Probleme infolge von Infektionen Olympia verpassen werden, illustrieren, dass es auch ganz anders laufen kann.
Nun zur rein sportlichen Seite: Die seltsame Etappe 1, wo jeder auf Angriffe wartete, aber nichts geschah, gewann verdient Routinier Romain Bardet. In Etappe 2, in der auch nicht viel geschah, übernahm Pogacar nach seiner Attacke für einen Tag Gelb. In Etappe 3, in der gar nichts geschah, außer dem ersten Tour-Etappensieg des Eritreers Biniam Girmay, übernahm der mit Pogacar zeitgleiche Richard Carapas durch einen Sprint Gelb. Etappe 4 lief erstmals in Ansätzen so, wie man erwarten konnte – es passierten sogar ein paar Dinge: Pogacars Team UAE machte lange Zeit Tempo, viele Fahrer mussten reißen lassen, bis am Ende die „Big 4“ (Pogacar, Vingegaard, Evenepoel, Roglic) plus einige Helfer unter sich waren. Pogacar attackierte erst am letzten Kilometer des 23 km langen Schlussanstiegs, anfangs konnte Vingegaard folgen, auf den letzten Metern konnte ihn Pogacar ein paar Sekunden distanzieren. Auf der knapp 20 km langen Abfahrt zum Ziel holte Pogacar gut 30 Sekunden auf Vingegaard und Begleiter heraus, die wieder zu diesem aufschließen konnten. In der Sprint-Etappe 5 passierte bis zum Ende gar nichts, dann allerdings der 35. Etappensieg bei der Tour für Mark Cavendish, ein neuer Rekord. Die gestrige ereignislose 6. Etappe endete mit einem Sprint-Sieg von Dylan Groenewagen.
Prognosen über den weiteren Verlauf der Tour lassen sich schwer abgeben: Glückskind Pogacar, der vorgestern nur knapp einen Sturz vermeiden konnte, wirkt bisher am stärksten, lässt aber die Souveränität und spielerische Dominanz vermissen, die sein Jahr 2024 bisher gekennzeichnet hatte. Wie es um Form und Fitness wirklich bestellt ist, werden die langen Bergetappen der nächsten beiden Wochen dieser vom Streckenverlauf auch etwas seltsamen Tour zeigen. Vingegaard ist angesichts seiner schweren Verletzungen im April überraschend fit und immer noch Pogacars Hauptkonkurrent. Evenepoel zeigt sich stark, viel stärker als bei der Tour de Dauphine und hat reale Chancen, aufs Podium zu fahren. Roglic zeigte bisher jedes Mal Schwächen, wenn das Tempo erhöht wurde, er macht den schwächsten Eindruck der Big 4. Als Contender um das Podium brachten sich bisher zudem Joao Almeida, Juan Ayuso und Carlos Rodriguez ins Spiel.
Die ersten Tage der Tour 24 waren eine kleine Enttäuschung, aber das Rennen bleibt offen. Es ist zu hoffen, dass die Fahrer fit und gesund bleiben und das Publikum schließlich in der 3. Woche doch noch den Showdown bekommt, den es erwartet und erhofft hatte.
Titelbild: C Das_Medium / mit KI erstellt






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