Derzeit findet in Italien der Giro d’Italia statt, nach der Tour de France das zweitwichtigste Radrennen der Welt und eine der 3 Grand Tours im Radsportkalender. Neben dem Giro und der Tour zählt auch die Vuelta a España zu dieser „Königskategorie“ der 3-wöchigen Rundfahrten.

von Christian Klosz

Im letzten Jahr, 2023, versank der Giro im Corona-Chaos: Erstmals gab es vor dem Start keine verpflichtenden Schutzvorkehrungen seitens der Veranstalter, die es die Jahre zuvor stets gegeben hatte und Ausbrüche des Virus im Feld eindämmen konnten. Als Resultat ergriff eine Corona-Infektionswelle das Fahrerfeld: Eine Rekordzahl von über 50 (der 176 am Beginn der Rundfahrt gestarteten) Fahrer musste das Rennen während der 3 Wochen aufgeben, die meisten von ihnen wegen nachgewiesenen Corona-Infektionen. Unter anderem traf es auch den zu dem Zeitpunkt Gesamtführenden Remco Evenepoel. Spät lenkten die Veranstalter ein und verhängten wieder eine Maskenpflicht im Zielbereich und für Journalisten, so konnte die Infektionswelle zumindest in der 3. Woche unter Kontrolle gebracht werden. Das Desaster führte dazu, dass bei der später im Jahr stattfindenden Tour de France, aber auch bei der Vuelta wieder strengere Maßnahmen für Fahrer, Teams und Umfeld galten: Bei der Tour durften die Radsportler etwa die „Bubble“ ihrer Teams nicht verlassen, bei der Vuelta im September 2023 trugen alle Angestellten der Rundfahrt Maske.

Die nun seit 1,5 Wochen stattfindende Austragung des Giro 2024 findet wieder ohne (zumindest ohne vorher kommunizierte) Schutzmaßnahmen seitens des Veranstalters statt. Masken sieht man im Zielbereich und auch bei Interviews keine mehr. Zu bedenken ist, dass im Gegensatz zum Frühjahr 2023 derzeit allerdings keine Corona-Welle in Europa herrscht, es also eine andere Ausgangssituation gibt.

Dennoch mussten in den letzten Tagen wieder vermehrt Fahrer das Feld verlassen – offiziell wegen „Krankheit“, „Erkrankung“, „Virusinfektion“ oder „grippalem Effekt“. Es ist schwer zu beurteilen, ob es sich im einen oder anderen Fall erneut um Corona-Infektionen handeln könnte und das nun einfach nicht mehr kommuniziert wird. Dagegen spricht, dass Erkrankungsfälle zwar wieder gehäuft auftreten, sich aber nicht „epidemisch“ verbreiten wie 2023, wo an einigen Tagen bis zu 10 Fahrer aussteigen mussten.

Trotzdem ist diese Häufung ungewöhnlich, auch die Tatsache, dass Fahrer wegen einer nicht näher definierten „Krankheit“ das Rennen verlassen müssen. Vor der Corona-Pandemie kam es bei Rundfahrten auch immer wieder zu einzlenen Erkrankungen und Erkältungen, in der Regel setzten die betroffenen Fahrer das Rennen aber mit medizinischer Unterstützung fort und erholten sich nach wenigen Tagen wieder.

Der niederländische Jungprofi Cian Uijtdebroeks, Führender der Nachwuchswertung, musste den Giro vor 2 Tagen ebenfalls krank verlassen. Seine Chance auf die erwartete Top-Platzierung ist damit dahin, entsprechend niedergeschlagen zeigte er sich in seinen Statements. Bereits vor seinem Exit räumte er in einem Interview in Bezug auf das Fahrerfeld ein: „Momentan ist jeder irgendwie ein wenig krank.“

Im Fahrerfeld, aber auch unter Teamärzten herrschte derweil Rätselraten über die Ursachen. Der Teamarzt des Teams Soudal – Quick Step meinte in einem Interview, dass er keine „Epidemie“ im Fahrerfeld sehe, sondern dass es sich um „individuelle Probleme“ handeln würde. Wenngleich Ferndiagnosen schwierig sind: Eine mögliche Erklärung für die Häufung von heftigen Erkrankungen, die nicht Corona sind und die Fahrer dennoch zur Aufgabe zwingen wären geschwächte Immunsysteme nach Corona-Infektionen im Winter oder Frühjahr (oder davor), von denen einige Fahrer nachweislich betroffen waren. Bereits in den letzten Jahre gab es mehrere Radsportler, die nach Corona-Infektionen monate- oder jahrelang mit gesundheitlichen Problemen und immer wieder auftretenden Krankheiten zu kämpfen hatten, darunter etwa der Deutsche Maximilian Schachmann. Einige wie der Niederländer Nathan van Hooydonck musste ihre Karriere gänzlich beenden, in seinem Fall wegen Long Covid und Herzrhythumsstörungen.

Im Kontext der Diskussion über die Ursachen der aktuellen Krankheitswelle im Feld ließ ein Sprecher des Teams Visma – Lease a Bike aufhorchen: Der Rennstall war die letzten Jahre das dominierende Team und konnte mit Superstar Jonas Vingegaard die letzten beiden Ausgaben Tour de France gewinnen. 2023 entschied man überhaupt alle 3 Grand Tours für sich. Neben Uijtdebroeks mussten nun auch 3 weitere Fahrer des Teams den Giro 2024 verlassen (wobei es sich nicht in allen Fällen um krankheitsbedingte Aufgaben handelte).

Darauf angesprochen, ob es sich nicht erneut um Corona handeln könnte, gab der der Sprecher bemerkenswerte Informationen preis. Die Portale radsportaktuell.de bzw. WielerFlits zitieren ihn wie folgt: „Von Corona kann in unserem Team keine Rede sein. Wir wenden immer noch das gleiche strenge Corona-Protokoll an wie in den letzten Jahren, wobei jeder im Team jeden Tag getestet wird. Wenn jemand Corona hat, bemerken wir das sofort und greifen sofort ein.“

Angesichts des aktuellen Umgangs der Politik, Medien und weiter Teile der Gesellschaft mit dem Thema Corona ist es doch recht beachtlich, dass eines der größten und besten Radsportteams der Welt auch 2024 noch auf strikte Corona-Maßnahmen setzt und sowohl Fahrer, als auch Teammitarbeiter weiterhin täglich auf Corona testet.

Titelbild: Von filip bossuyt from Kortrijk, Belgium – GIR40127 dennis, CC BY 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=132609728 / Giro 2023

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