Schweizer Forscher/innen ist ein Durchbruch gelungen: Sie haben die Ursache für Long/Post Covid-Erkrankungen gefunden, wie unter anderem der „Tagesanzeiger“ berichtet.
von Christian Klosz
Long Covid (oder Post Covid) ist eine schwere, körperliche Erkrankung, die ca. 10% aller Corona-Infizierten betrifft (10% pro Infektion). Das Risiko einer Erkrankung steigt mit jeder Reinfektion, wie viele rezente Studien belegen.
Bisher gab es keine eindeutigen Studienergebnisse und medizinischen Belege für die exakten Hintergründe, was eine Diagnose schwer machte: Klar war nur, dass das Phänomen, das verschiedenste Beschwerden wie Atemprobleme, chronische Erschöpfung, kognitive Beeinträchtigungen wie Brain Fog oder Herzprobleme verursachen kann, als „postvirale Erkrankung“ klassifiziert werden konnte.
Therapien oder Medikamente gibt es bisher nicht, Betroffene werden mit ihren Leiden oft allein gelassen und nicht verstanden, auch weil sie von vielen Ärzt/innen nicht ernst genommen wurden und werden. Die Abwesenheit eindeutiger Forschungsergebnisse und diagnostischer Kriterien öffnete auch Tür und Tor für falsche Psychosomatisierungen: Erkrankte würden sich ihre Leiden nur „einbilden“, so eine bisher verbreitete Meinung in großen Teilen der Gesellschaft, die leider auch von vielen „Fachleuten“, Ärzt/innen und Medien geteilt wurde. Damit ist nun Schluss.
Denn die Zürcher Forscher/innen kamen in ihrer Studie, die in der aktuellen Ausgabe von „Science“ veröffentlich wurde, zum Ergebnis, dass ein zentraler, aber wenig bekannter Teil des Immunsystems bei Long Covid-Patient/innen außer Kontrolle gerät. Die neuen Erkenntnisse eröffnen Chancen für eine gezielte Diagnostik und mögliche (medikamentöse) Therapien.
Chance für gezielte Diagnosen und Therapien
Das Team um Onur Boyman, Direktor der Klinik für Immunologie am Universitätsspital Zürich, fand im Blut von Long Covid-Patient/innen eine Klasse von Substanzen, die auch lange nach der akuten Infektion noch überaktiv sind und so dafür sorgen, dass Blutplättchen, rote Blutkörperchen, die Wände der Blutgefäße sowie andere Körperzellen geschädigt werden.
Damit wurde erstmals eine spezifische, molekulare Signatur von Long Covid im Blut festgestellt, die sich möglicherweise in Zukunft auch mit einem Bluttest nachweisen lässt. Damit wären die für eine Diagnose so wichtigen „Biomarker“ gefunden. In 1 bis 2 Jahren könnte ein solcher Bluttest bereits auf dem Markt sein, so Immunologe Boyman.
Für ihre Studie analysierten die Forscher/innen das Blut von 113 Covid-Patient/innen: Erst zum Zeitpunkt der akuten Infektion, dann 6 Monate danach. Da berichteten immer noch 40 Patient/innen von anhaltenden Symptomen. Als zusätzliche Kontrollgruppe durchliefen 39 gesunde Personen die gleiche Prozedur.
Eine Analyse der Eiweiße zeigte nun, dass sich das sogenannte „Komplementsystem“, ein Teil des angeborenen Immunsystems, bei Long Covid-Betroffenen deutlich von Gesunden unterscheidet. Es wird aktiviert, sobald eindringende Viren oder Bakterien bekämpft werden müssen und es sorgt auch dafür, dass beschädigte oder infizierte Körperzellen beseitigt werden. Normalerweise „beruhigt“ sich dieses System nach der Akutinfektion wieder. Nicht so bei Long Covid-Leidenden.
„Bei den Patientinnen und Patienten mit Long-Covid kehrt das Komplementsystem nicht wie es sollte wieder in den Ruhezustand zurück“ so Boyman. Bei ihnen bleibt es überaktiv und richtet dabei große Schäden an: Es aktiviert die Blutplättchen und fördert sogenannte Mikrogerinnsel, es schädigt die Innenwand der Blutgefäße und es zerstört rote Blutkörperchen, die Sauerstoff transportieren. Boyman dazu: „Bleibt das Komplementsystem aktiviert, geht es auf gesunde Zellen in verschiedenen Organen los und schädigt oder zerstört sie. Mit dieser Erkenntnis haben wir ein weitere Puzzleteil zu Long Covid gefunden, das auch erklärt, warum diese Erkrankung zu so vielfältigen Symptomen führen kann.“
Interessant außerdem: Bei Patient/innen, die anfangs über Long Covid-Symptome geklagt hatten, deren Beschwerden sich aber nach 6 Monaten wieder gelegt hatten war das Komplementsystem von selbst wieder zur Ruhe gekommen.
Auch Hinweise, warum bei manchen Betroffenen dieser Teil des Immunsystems auch nach akuter Infektion aktiv blieb, konnten gefunden werden: Einerseits Antikörper gegen körpereigene Strukturen, sogenannte Autoantikörper, andererseits vermehrt zirkulierende Antikörper gegen schlummernde Viren wie das Epstein-Barr-Virus (EBV) oder das Cytomegalovirus.
Studienautor Boyman sagt, dass plötzlich „alles Sinn ergeben“ hätte, denn mit den Studienerkenntnissen ließen sich die sehr ungewöhnlichen Charakteristika von Long Covid schlüssig erklären: „Es war fast zu gut, um wahr zu sein.“
Die Erkenntnisse können nicht nur die Grundlage für Long Covid-Tests, Biomarker und Diagnosen sein, sondern auch medikamentöse Therapien ermöglichen: „Es gibt bereits Firmen, die Komplement-Inhibitoren entwickeln“, so Boyman. Diese hemmen die Aktivität bestimmter Komponenten des Komplementsystems. Genutzt werden sie zur Behandlung bestimmter Autoimmunerkrankungen. Boyman wünscht sich, dass eine Herstellerfirma eines solchen Wirkstoffs einen klinischen Versuch mit LongCovid-Patient/innen startet.
Studienergebnisse auch für ME/CFS und andere Erkrankungen relevant
Boyman kann sich gut vorstellen, dass die Studie auch in Bezug auf andere postvirale Erkrankungen von großer Relevanz ist, unter anderem für ME/CFS oder das durch EBV hervorgerufene Pfeiffer’sche Drüsenfieber. Es würden sich auch für diese Erkrankungen völlig neue Perspektiven eröffnen, was Diagnosen und mögliche Therapien betrifft.
Wichtig ist, dass Folgestudien die neuen Erkenntnisse bestätigen und weiter konkretisieren.
Die Erkenntnisse reihen sich ein in eine Liste rezenter Studienergebnisse, die das „Rätsel“ Long Covid zu entwirren helfen. So wurde vor wenigen Wochen in einer Studie in Innsbruck spezifische „Marker“ im Urin von Betroffenen gefunden (-> zum Artikel).
Anm.: Dieser Artikel wurde nach bestem Wissen und Gewissen, mit Sorgfalt und nach Lektüre entsprechender anderer Artikel verfasst. Ich bin jedoch kein Mediziner. Sollten sich trotz journalistischer Sorgfalt Fehler in Bezug auf die medizinischen Aspekte eingeschlichen haben, bin ich dankbar für Hinweise via Kommentar oder Mail.
Link zur Originalstudie in „Science“: https://www.science.org/doi/10.1126/science.adg7942
Titelbild: Symbolbild / Photo by Polina Tankilevitch on Pexels.com






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