von Christian Klosz
Es ist müßig, festzustellen, dass sich unsere Gesellschaft, allgemein: die menschliche Zivilisation derzeit an einem Kipppunkt befindet. Selbst verursachte Krisen wie Kriege in Ukraine und in Israel/Gaza, Klimakrise, eine andauernde Pandemie und damit verbundende Demokratiekrisen mit all ihren Folgen fordern uns seit Jahren und fordern die Politik und Gesellschaften, Antworten und Lösungen zu finden. Zweifelsohne gibt es diese, wenngleich die Umsetzung je nach Krise unterschiedlich schwer zu bewerkstelligen ist. Behindert wird Fortschritt und Innovation – insbesondere bezüglich der Themen Pandemie und Klima – von einer massiven Krisenmüdigkeit und (kollektiven) gesellschaftlichen Überforderung, die sich in (kollektiver) Verdrängung äußert.
Wer Krisen im persönlichen Leben durchmacht, hat nicht immer die Kraft und die Werkzeuge, diese ad hoc zu lösen und konstruktiv zu be- und verarbeiten. Verdrängungsmechanismen wirken im Kleinen, wie im Großen.
Wer verdrängt, sagt zum Beispiel: Ich lasse mir meinen Dieselwagen nicht wegnehmen (Klimawandel wird verdrängt); Ich lasse mir nicht vorschreiben, Maske zu tragen (Pandemie/die Existenz eines gefährlichen Virus wird verdrängt); Man kann nicht immer in Angst leben (was damit gesagt wird: ICH kann nicht weiter in einer gerechtfertigten Angst leben, darum muss ich seine Existenz bzw. Gefährlichkeit verdrängen).
Wer verdrängt, verdreht auch: Die Impfung ist an explodierenden Krankheitsfällen schuld, „der Westen“ ist Schuld an Russlands Invasion der Ukraine, Russland „wehrt sich nur“. Oder das Framing der Terrororganisation Hamas als anti-imperialistische „Freiheitsbewegung“. All das sind auch pathologische Symptome einer individuellen wie kollektiv-gesellschaftlichen Überforderung mit realen Gegebenheiten, die nicht mehr im Rahmen des bisherigen Erfahrungshorizonts und etablierter Systeme verarbeitet und gelöst werden können.
Unsere Gesellschaft (ich beziehe mich konkret auf die österreichische, im weiteren auch auf die deutsche) lebt derzeit weitgehend im Verdrängungsmodus. Von Ohnmacht ergriffen stehen wir Herausforderungen gegenüber, die es in der Häufung und Massivität in unseren Breiten seit vielen Jahrzehnten nicht gegeben hat. Innerhalb unserer etablierten Strukturen und (politischen, ökonomischen, sozialen) Systeme lassen sie sich offenkundig nicht lösen. Nötig wäre ein Umbruch, eine Anpassung – ein Mammut-Unterfangen.
Für viele Bürger/innen ist es in dieser Situation einfacher, so zu tun, als gäbe es all diese Krisen nicht. So wie der überzeugte Alkoholiker nichts von seinem Problem hören will und mitunter mit Wut auf jene reagiert, die ihn auf die Destruktivität seines Verhaltens hinweisen, macht es auch der Verdränger, der nichts mehr von Corona, „Maßnahmen“, Klimaschutz, nötigen Einsparungen und Änderungen am Lebenswandel hören möchte, selbst wenn dies mittel- und langfristig zu seinem eigenen Vorteil wäre. Eine gewohnte Normalität wird simuliert, weil es keine Lösung für die multiplen Krisen gibt, auch weil die politischen Systeme und das ökonomisch etablierte System der Marktwirtschaft versagen und diese Lösungen nicht anbieten.
Manche politische Parteien versuchen es immerhin, andere wiederum bewirtschaften offen das Feld der Angst, Unsicherheit und fördern so die Verdrängung, oftmals aus zynischen Machtmotiven und mitunter gegen die eigene Überzeugung (andere vielleicht auch, weil es mit ihrer eigenen, persönlichen Verdrängung kongruent ist). Das politische Handeln dieser Parteien und Poltiker/innen ist zugleich rational und irrational innerhalb einer Logik der Macht: Kurzfristige Macht will gesichert werden; zugleich stellt man aber selbst sicher, dass man in absehbarer Zukunft diese Macht auf mitunter radikale Art verlieren wird. Wenn ein Gutteil der Gesellschaft krank ist, die Wirtschaft kollabiert oder der Klimawandel eine „Weitermachen wie bisher“ unmöglich macht haben auch Politiker/innen nichts mehr von ihren gerade noch wirksamen Privilegien. Und es ist nur eine Frage der Zeit, bis sich Wut und Enttäuschung der Bevölkerung – mitunter auch gewaltvoll – gegen sie richten wird.
Verdrängung heißt aber auch: Verlust von Wahrheit. Wer verdrängt, ist überfordert von dem, was ist. Für eine (demokratische) Gesellschaft ist das ein existenzielles Problem. Wenn Desinformation, Ignoranz, „Fake-News“ und Lüge regieren, haben Lügner/innen und Demagog/innen leichtes Spiel, die Bevölkerung zu regieren. Das Abdriften in anti-demokratische, autoritäre und faschistische Systeme ist nahezu unausweichlich. Die entsprechenden Weichen werden derzeit sowohl in Österreich, als auch in Deutschland gestellt, eine ehemals grün-links-liberale hier und eine ehemals liberale Partei da machen sich zum Steigbügelhalter dessen, was sie irgendwann einmal verhindern wollten.
Das Gute daran: Es ist nicht das erste Mal, dass die Menschheit an einem solchen Punkt steht. Es ist auch nicht das erste Mal, dass eine Gesellschaft und ihre politische Vertretung temporär daran scheitert, einen konstruktiven, innovativen, inklusiven, nachhaltigen und menschlichen Umgang mit diesen Krisen zu finden, sondern das Gegenteil passiert.
Und: Es gibt sie, die Lösungen und Alternativen. Die liegen zum einen in einer Renaissance der Renaissance, in einer Rückbesinnung auf ein aufgeklärtes, humanistisches Menschen- und Weltbild als Gegenentwurf zu irrationalen, destruktiven und „magischen“ Denkgebilden. Zum anderen muss eine Rückbesinnung auf die Kraft der evidenzbasierten Wissenschaft erfolgen, die de facto schon heute für viele der erwähnten Herausforderungen (insb. Klimawandel, Pandemie, Gesundheitskrisen) klare und realisierbare Lösungen anbietet, die nur noch politisch und gesellschaftlich umgesetzt werden müssen.
Die Installation von Luftfiltern in Schulen und Kindergärten etwa (oder zumindest die Schaffung gesetzlichen Rahmenbedingungen dafür) wären keine Hexerei – immerhin schafft das die österreichische Regierung bekanntlich auch in ihren eigenen „vier Wänden“. Das Problem explodierender Krankenstände, die Multiplizierung chronisch Kranker, der destruktive Effekt auf die Wirtschaft und nebenbei eine Menge Leid könnten mit einem Schlag minimiert bis beseitigt werden.
Manch andere dieser notwendigen Lösungen erscheinen auf den ersten Blick für viele als nicht „attraktiv“, da sie eine weitgehende Adaption und Anpassung erfordern. Die ist jedoch – und das müssen die Wissenschaften den Menschen klar machen – eine zivilisatorische Universalie: Die Menschheit schritt stets voran durch Lernprozesse und Anpassungen an geänderte Umstände – ob nun selbst verursacht, oder nicht – und durch Innovation. Lernprozesse, wenn auch schwer, mühsam und manchmal schmerzhaft, da sie auch mit „Verlust“ verbunden sind, sind dennoch etwas Positives, Hoffnung stiftendes und Mut gebendes, das den Glauben an eine neue, andere „Normalität“ nähren kann. Darüber hinaus waren Phasen großer Krisen und Umbrüche stets auch die Zeiten, in denen nicht nur Naturwissenschaften, sondern auch Geisteswissenschaften florierten: Wir brauchen die Philosophie, Psychologie, Soziologie, Anthropologie und ähnliche Disziplinen, um Erklärungen für die Gegenwart zu finden und Prognosen und Lösungen für die Zukunft zu schaffen. Der aktuelle Zustand der Gesellschaft, der Menschheit mag düster erscheinen, aber kann und – davon bin ich überzeugt – wird auch der Startpunkt für eine zwar fordernde, aber spannende Zukunft sein.
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Die destruktive Macht der Verdrängung am Beispiel der Corona-Pandemie
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