Der 7. Oktober 2023 stellte nicht nur eine Zäsur in der Nahost-Politik dar, sondern hatte und hat auch weitreichende Auswirkungen auf „westliche“ politische Diskurse und Debatten. Während in einer ersten Reaktion so gut wie alle politischen Parteien Europa und der USA den Terror-Angriff der Hamas auf Israel verurteilten, spielten sich in den Tagen und Wochen danach besonders in der politischen „Linken“ unfassbare Vorgänge ab: Auf den ersten Blick erschreckend, auf den zweiten Blick aber nicht zwingend überraschend begannen insbesondere identitätspolitische Zirkel mit der Solidarisierung erst Palästinas, dann auch indirekt oder direkt mit der Terrororganisation Hamas.

von Christian Klosz

Was als Sündenfall der westlichen politischen Linken in die Geschichte eingehen wird ist zugleich der Endpunkt des moralischen und intellektuellen Verfalls einer Bewegung, die sich selbst „progressiv“ und „woke“ nannte (und das absurderweise immer noch tut), die seit jeher auf „Emotion“, „gefühlte Wahrheiten“ und „persönlich empfundene Betroffenheit“ als Grundlage für politische und gesellschaftliche Forderungen setzt. Dass das mit den Idealen eines aufgeklärten, vernunftgeleiteten Gesellschaftsmodells nicht vereinbar ist, hätte man schon bisher sehen können, wird nun aber umso klarer.

Der identitätspolitischen Linken ging es selten um eine wirkliche Verbesserung des Lebens vieler oder um die Sache an sich, sondern meist um das egoistische „Optimieren“ des eigenen Lebens via performative Social Media-Aktionen im Kampf um Aufmerksamkeit, Likes und letztendlich Einfluss, Diskursmacht und, ja, Umwandlung dieser in Geld. Die Welt wurde krude in „gut“ und „böse“ geteilt, wer nicht zu 100% auf der „richtigen“ Seite war, wurde diffamiert, zum Feind des eigenen, hehren Ansinnens erklärt, selbst konstruktive Kritik wurde als Beleg für die scheinbar reaktionäre, anti-progressive Haltung der Kritiker geframed, um sich selbst zu erhöhen.

Aber: Menschen, die sich nun mit einer Organisation solidarisieren, die nachweislich Frauen unterdrücken möchte, die faschistoide Züge trägt, die vor barbarischen Taten nicht zurückschreckt, die inhärent antisemitisch ist, die den Holocaust leugnet und Israel und alle Juden auslöschen will haben jegliche Legitimation an der Teilhabe an einem zivilisatorischen Diskurs verspielt. Sie stellen sich selbst außerhalb jegliches zivilisatorischen Rahmens, das Wort „progressiv“, „demokratisch“ oder „liberal“ dürfen sie für sich nie wieder beanspruchen.

In identitätspolitischer Logik setzen sie sich „gefühlt“ für die „richtige Sache“ ein, da das Schicksal der Palästinenser in die simple Erzählung aus Unterdrückten und Unterdrückern gepresst wird, doch der Aktivismus gründet auf erschreckendem Unwissen, Faktenbefreitheit und antisemitischen Verschwörungserzählungen. Wer sich mit einer reaktionären, faschistoiden, gewaltbereiten und rassistischen Terrororganisation verbündet oder sich zumindest nicht eindeutig von ihr distanziert, kann nicht „links“, „progressiv“ oder „liberal“ sein.

Titelbild: Matt Hrkac from Melbourne, Australia, CC BY 2.0 https://creativecommons.org/licenses/by/2.0, via Wikimedia Commons

2 Antworten zu „Sündenfall Hamas: Das unrühmliche Ende linker Identitätspolitik“

  1. „Wer sich mit einer reaktionären, faschistoiden, gewaltbereiten und rassistischen Terrororganisation verbündet oder sich zumindest nicht eindeutig von ihr distanziert, kann nicht „links“, „progressiv“ oder „liberal“ sein.“
    Mit diesem Statement habe ich Probleme:
    Jein, denn die Qualität der */eindeutigen Distanzierung/* ist dann durchaus wieder Gegenstand einer emotional gefühlten Debatte über Tiefe oder Absenz dieser, gerade jetzt wo jedes /aber/ anstatt kompletter und intensiv kommunizierter Zustimmung zu defensiver Gewalt ohne Hinweis auf Kollateralschäden als Habherzigkeit, Wankelmütigkeit, Uninformiertheit oder gar „verstehende“ Sympathir geframed werden kann.
    Es muss möglich sein Berta von Suttner zu zitieren, auch an das was nach der Verteidigung kommt zu gemahnen, ohne in eine probate Schublade geschoben und als /blinlinks/ abkategorisiert zu werden.

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  2. Hab deinen Comment erst jetzt gesehen.

    Ich sehe das in Nuancen anders. Natürlich ist ein „aber“ erlaubt, und das Vorgehen von Israel aktuell & insb. Netanjahus Politik ist nicht vollumfänglich zu unterstützen. Man muss aber differenzieren zwischen „Hamas“ (jenen, die die Angriffe auf Isr. ausgeführt haben) und paläst. Zivilbevölkerung. Bei zweiter Gruppe verstehe ich das „aber“, wenngleich ich z.B. das Agieren der WHO hier sehr einseitig finde (Fokus nur auf paläst. Bevölk., null auf isr.). Bei erster Gruppe gibt es kein „aber“. Und darauf war meine Aussage im Text bezogen: Wer in irgendeiner Form „Verständnis“ für Hamas aufbringt – wie manche aus der „links“-woke Bubble – kann irgendwelche Ideale von wegen „progressiv“, „liberal“ usw. nie mehr glaubwürdig vor sich hertragen. Ich kann nicht eine ideologisch reaktionär-faschistoide, gewaltbereite, inhärent antisemitische und tlws. sogar holocaustleugnende Gruppierung unterstützen und mich selbst gleichzeitig ernsthaft als „links“ framen. Ebenso ist die einseitige Sichtweise „Israel als Besatzer, Palästina als Opfer und Unterdrückter“ kompletter Schwachsinn und basiert auf simplen Denkschemata gewisser schein-linker Gruppierungen und (historischem) Unwissen + Ignoranz.

    Allgemein ist es eine ethische Frage, was erlaubt ist, was „Verteidigung“ darf. Grundsätzlich sehe ich Hamas als Aggressor und Israel in dem Fall als „Opfer“, das sich verteidigen darf und soll. Wobei diese Dualität aufgrund der enorm komplexen Geschichte der Region hier nicht so einfach ist. In gewisser Weise sind vl. beide Täter und Opfer. Aber im aktuellen Fall war Hamas Täter und Isr. Opfer. Was eine Reaktion legitimiert. Wie weit die dann gehen kann, darf, ist wieder eine andere Frage. Wird es auch zivile Opfer in Gaza geben? Ja. Sind das „Kollateralschäden“, ohne die es „nicht gehen wird“? Vermutlich ja. Wäre direkte Aggression vonseiten isr. Militär gg. paläst. Zivilbevölkerung legitim? Nein. Kommt sie vor? Wissen wir nicht. Bis zu welchem Ausmaß dürfen indirekte Opfer als Kollateralschäden in Kauf genommen werden, weil die Verteidigung als sich legitim ist? Diese Frage ist offen und steht zur Diskussion…

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