Philippa Langley (Sally Hawkins) hat es nicht leicht: in ihrem Agenturjob wird sie ständig übersehen, ihre Söhne gehen langsam eigene Wege und sie steckt mitten in der Scheidung von John (Steve Coogan). Darüber hinaus erschwert ihre ME/CFS ihren Alltag maßgeblich, sie braucht immer wieder ausgedehnte Phasen der Ruhe und Erholung, um zu „funktionieren“.

von Christian Klosz

Nach einem Theaterbesuch entwickelt sie eine Faszination für König Richard III. und setzt sich zum Ziel, seine verschollenen, sterblichen Überreste zu finden. Sie will nicht wahrhaben, dass der umstrittene Monarch wirklich ein so verachtenswertes Monster gewesen sein soll, wie ihn Shakespeare darstellte. Ihre Suche ist der Ausgangspunkt für eine abenteuerliche Reise, auf der die unscheinbare Philippa gegen große Widerstände ihrer Intuition folgt und es mit angesehenen Historikern aufnimmt, um der Welt die wahre Geschichte von Richard III. zu erzählen.

Stephen Frears ist mit „The Lost King“ ein solides Biopic gelungen, das sich auf überzeugende Darstellerleistungen verlassen kann und – nach einer wahren Geschichte – eine unwahrscheinliche Heldin präsentiert, die über sich und die Erwartungen ihres Umfeldes hinauswächst. Sally Hawkins liefert dabei eine nuancierte, sensible Performance an. Man nimmt ihr ihre Rolle ab, kann nachfühlen, wenn die durch ihre Krankheit gepeinigte Protagonistin plötzlich von der Leidenschaft gepackt wird, wenn sie zu ihrem erst verständnislosen Ex sagt, sie müsse eben nach Richard III suchen, da sie sich durch ihre Recherche „energized“ fühlt, ein Gefühl, dass ihr durch ihre Erschöpfungszustände sonst fremd ist – und ihr Lebensqualität zurückgibt.

„The Lost King“ ist nicht nur eine wahre und gänzlich ungewöhnliche Heldinnengeschichte, sondern auch eine spannende historische „Schatzsuche“. Eine Exkursion in die britische Geschichte. Und ein Porträt akademischer Welten mit all ihren Regeln, Dünkeln, Eitelkeiten: Philippa kontaktiert nach ihren Entdeckungen die University of Leicester, archäologische Forscher und Historiker und bitten sie um Hilfe. Doch die tun ihr amateurhaftes Interesse erst als „Spinnerei“ ab. Immerhin muss doch das, was ausgebildete Fachleute seit Jahrhunderten schreiben, richtig sein!

Mit Verve verteidigt ein Uni-Professor alte, scheinbar belegte Thesen und kanzelt Philippa ab. Selbiges widerfährt ihr im Leicester City Council, das eine Finanzierung von Ausgrabungen erst widerwillig bewilligt, dann doch zurückzieht. Als sie durch ein Crowdfunding bei der etwas schrulligen „Richard III Society“ schließlich doch die nötige Mittel zusammenbekommt und erste Erfolge absehbar sind, scharen sich die erst abweisenden Honoritäten um sie, vor ihr – und übernehmen Credit für das, was Langley im Grunde ganz alleine auf die Beine gestellt hat.

Regisseur Frears belegt mit „The Lost King“ erneut sein Talent als filmischer Erzähler wahrer Geschichten, die er in diesem Fall unterhaltsam, aber doch mit gewissem Anspruch bebildert. Einzig dem Ende des Films fehlt etwas die Spannung, da die „Auflösung“, ob die „Suche nach Richard“ nun erfolgreich war, zu hastig und abrupt präsentiert wird. Insbesondere gebühren Frears und den Drehbuchautoren Steve Coogan und Jeff Pope aber Dank dafür, Philippa Langley, eine bei uns relativ unbekannte britischen Heldin der Gegenwart (der Film spielt 2012), einem breiteren Publikum bekannt zu machen und ihr die Würdigung zuteil werden zu lassen, die ihr lange verwehrt wurde.

Fazit: Ein solides Biopic mit kleinen Schwächen gegen Ende, das eine Heldin „against all odds“ präsentiert, die aus Leidenschaft und Überzeugung ihrem „Bauchgefühl“ folgt – und damit Großes erreicht. Positiv hervorzuheben ist das filmische Handwerk. Und das Schauspiel von Sally Hawkins, die erneut eine überzeugende Leistung abliefert.

„The Lost King“ ist seit kurzem im Kino zu sehen. Für den Kinobesuch ist die Maske dringend empfohlen.

Fürs Heimkino ist der Film auf amerikanischen / britischen VOD-Plattformen bereits zum Leihen oder Kaufen verfügbar. Manche sind über VPN-Dienste auch bei uns erreichbar. Bei uns wird der Film vermutlich in 1-2 Monaten als VOD und danach zum Streamen erscheinen.

Weitere Film-Texte auf meiner Seite filmpluskritik.com.

Mehr über die reale Philippa Langley, Vorbild für diesen Film, auf ihrer Website.

Bild: (c) Filmladen

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