Die ÖVP war einst eine stolze Partei. Neben der SPÖ jene Partei in Österreich, die das Land nach dem 2. Weltkrieg mit Bedacht und Kooperationswillen aus dem (teils selbst verschuldeten) Schrecken geführt hatte, die gemeinsam mit ihr durch die „Sozialpartnerschaft“ einen neuen Weg des Gemeinsamen, des Ausgleich gesucht und für viele Jahrzehnte gefunden hatte. Österreich war – trotz aller Probleme, Schattenseiten, Schwächen, Abgründe – zu einer funktionierenden, mitteleuropäischen Demokratie gereift.

von Christian Klosz

Nach dem „Wendejahr“ 2015 entschied die ÖVP, namentlich Sebastian Kurz, die Krisen der Gegenwart zu nutzen. Nicht, um sie zu lösen, sondern um (egoistisches) Kapital aus ihnen zu schlagen. Den Kurz’schen Irrweg haben inzwischen viele in der Partei und so gut wie alle außerhalb erkannt und eingesehen. Aber was danach kam und immer noch kommt, ist um nichts besser, sondern vielleicht noch schlimmer.

Mit Karl Nehammer sitzt eine in allen Belangen absolut ungeeignete Person im Kanzleramt. Und er „führt“ eine Partei, die nicht weiß, was sie will oder soll. Wobei führen ein dehnbarer Begriff ist, denn „Führung“ beschränkt sich im Kathi-Karli-Stil auf leidlich coole (also: peinliche) Videos, in denen die Bürger/innen mit „du“ angesprochen werden und über eine „Normalität“ schwadroniert wird, von der dieser Kanzler selbst meilenweit entfernt ist. Beschränkt sich auf abartige Wahlkampfreden im kleinen Kreis, wo der Kanzlerdarsteller längst überkommene Parolen zum Schlechtesten gibt, die vielleicht vor 15 Jahren auf einem ÖVP-Stammtisch in der tiefsten Provinz gegriffen hätten, aber eines Kanzler auch damals unwürdig gewesen wären. Beschränkt sich auf Auftritte auf Volksfesten, bei denen Nehammer wahlweise Bierkrüge leert (Wasserbier, wirklich?), den angeheiterten DJ gibt oder vollkommen besoffen Blaskapellen dirigiert. Es ist eine Schande und zum Schämen, und doch so passend für den Zustand eines Landes, das immer mehr versumpft und am besten Weg ist, sich einen Platz unter den Schlechtesten Europas zu ergattern.

Diese Partei hat kein Interesse mehr an Inhalten, Werten, Idealen, Lebensentwürfen, Diskursen, Problemlösungen oder gar den Interessen des „Volkes“, obwohl sie sich immer noch „Volkspartei“ nennt. Sie vertritt einzig Machtinteressen und gestrige Parolen, die in der Gegenwart keine Grundlage mehr haben. Nehammer ist Verwalter von etwas, das es nicht mehr gibt, ihm fehlt aber die Intelligenz, das zu verstehen. Einziges Interesse ist der Machterhalt aus egoistischen (Partei-)Motiven (Geld, Privilegien, Einfluss).

Menschen jeglicher politischer Ausrichtung scheinen das inzwischen zu erkennen, wie die Reaktionen auf die „Burger-Rede“ zeigen, die aus allen Ecken der Gesellschaft kamen und kommen. Dass die Kanzler-Partei plant(e), den (übrigens inzwischen ähnlich moralisch gescheiterten) Koalitionspartner mit einem U-Ausschuss zu bewerfen, passt ins Bild. Diese ÖVP ist am Ende. Sie löst sich in Luft auf. Sie weiß es nur selbst noch nicht.

Bildquelle: Wikipedia /Wiki Commons – Bearbeitung

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